Da ich in letzter Zeit ein paar interessante neue Bestellungen gemacht habe und auch länger nichts von mir habe hören lassen, nutze ich mal den Vormittag und schreibe ein kleines Review.
Es passiert mir nicht oft, dass ich über Amazon-Produktempfehlungen stolpere, die mich so in ihren Bann ziehen. So ging es mir vor Kurzem mit Osamu Tezukas “Ayako”.

Osamu Tezuka sollte jedem Otaku ja spätestens seit “Astroboy” und “Kimba, der weiße Löwe” ein Begriff sein (sogar auch Leuten, die mit der Szene nicht so viel zu tun haben), aber ich muss sagen, dass ich selbst bisher noch nichts von ihm in der Hand hatte. Ich wurde neugierig ob dieser Empfehlung von Amazon und las mir erstmal die Beschreibung durch:

Long considered as one of Osamu Tezuka’s most political narratives, Ayako is also considered to be one of his most challenging as it defies the conventions of his manga by utilizing a completely original cast and relying solely on historical drama to drive the plot.  Ayako, pulls no punches, and does not allow for gimmicks as science-fiction or fantasy may.  Instead Tezuka weaves together a tale which its core simply focuses on a single family, a family that could be considered a metaphor for a rapidly developing superpower.

Overflowing with imagery of the cold war seen through Japan’s eyes, Ayako is firmly set in realism taking inspiration from a number of historical events that occurred over the American occupation and the cultural-revolution which soon followed. Believed to be Tezuka’s answer to the gekiga (dramatic comics) movement of the 60’s, Ayako should be considered one of the better early examples of a seinen (young adult) narrative to be published.

Initially set in the aftermath of World War II, Ayako focuses its attention on the Tenge clan, a once powerful family of landowners living in a rural community in northern Japan.  From the moment readers are introduced to the extended family, it is apparent that the war and American occupation have begun to erode the fabric that binds them all together.  The increasing influence of political, economic and social change begins to tear into the many Tenge siblings, while a strange marriage agreement creates resentment between the eldest son and his sire.  And when the family seems to have completely fallen apart, they decide to turn their collective rage on what they believe to be the source of their troubles—the newest member of the Tenge family, the youngest sister Ayako.

Ihr seht also schon an der Beschreibung, dass der Manga wohl komplett auf Englisch gehalten ist, was in diesem Fall sogar Vorteile hat. Nämlich den Preis, was auch der größte Beweggrund war für mich, den Manga überhaupt zu kaufen. Wann sonst bezahlt man knapp 17€ für einen gebunden Manga von knapp 700 Seiten? Und das betrifft sogar alle auf Amazon erhältlichen Manga von Tezuka, der hauptsächlich sehr umfangreiche Werke erstellt hat. Auf Deutsch erscheinen im Moment “Buddha”, “Barfuß durch Hiroshima” und “Adolf”, jedoch in mehreren Bänden für einen ähnlichen Preis wie die englischsprachigen Komplettbände, was einen doch nachdenken lässt. Aber soweit so gut, es soll ja um “Ayako” gehen.

“Ayako” erschien erstmals von 1972-73 im Biggu Komikku Magazin und kann wohl ob der sehr dramatischen und vielschichten Handlung als “Graphic Novel” angesehen werden. Tezukas recht einfach gehaltener Zeichenstil ist natürlich mit modernen Manga kaum noch zu vergleichen, aber er schafft es damit brillant, die komplexe Geschichte darzustellen. Die englische Übersetzung ist von 2010 (der amerikanische Verlag Vertical hat in den letzten Jahren mehrere Tezuka Werke in gebundener Form herausgebracht) und überrollt einen ziemlich mit Umgangssprache, daraus hervorgehenden Abkürzungen und Ausdrücken, die dem englischkundigen deutschen Leser hin und wieder Schwierigkeiten bereiten. Zudem, wie bei vielen US-Ausgaben, ist die Leserichtung westlich und die kompletten Seiten sind gespiegelt, wie wir es von früheren Mangaerscheinungen in Deutschland auch noch kennen (sollten).

Wie in der englischen Beschreibung schon zu lesen, behandelt der Manga die Geschichte des alteingesessenen Tenga-Clans in der Nachkriegszeit bis in die frühen 70er Jahre. Es ist also ein gutes Stück an Familiengeschichte verarbeitet und für den Leser zu verarbeiten, vollgestopft mit dekadenten, verdorbenen Details.
Sohn Jiro kommt 1949 aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zurück und das erste, das sein alter Vater zu ihm sagt (inhaltlich) ist: “Wieso bist du nicht ehrenvoll für dein Land gestorben wie die anderen? Glaub ja nicht, dass du irgendetwas erbst!” Und das, nachdem Jiro am Bahnhof von Schwester und Mutter erfahren hat, dass sein Vater in seiner Abwesenheit noch ein Kind gezeugt hat, die kleine Ayako (4). Es wird gleich klar, dass Jiros Mutter nicht die Mutter des Mädchens sein kann, denn dafür ist sie einfach zu alt. Die Kleine scheint der ganze Stolz des alten Herrn zu sein, allerdings ist es auffällig, wie die Familie der Welt und dem heimgekehrten Sohn verschweigt, wer die Mutter ist. Und damit nimmt das Drama seinen Lauf.
Jiro wurde nach seiner Freilassung von einer Geheimdienstorganisation angeheuert, einige Drecksarbeit zu erledigen, die Schwester Naoko sympatisiert mit der linken demokratischen Partei und schläft mit deren Anführer, der gleich zu Beginn ermordet wird und dessen Leiche von Jiro beseitigt werden soll. Da Jiro sich dabei etwas tollpatschig anstellt, wird er des nachts von Klein-Ayako und einem schwachsinnigem Mündel der Familie, O-Ryu, erwischt, wie er Blut aus seinem Hemd waschen will. Er bedroht die Mädchen, damit sie nichts ausplaudern und lässt das Hemd danach verschwinden. Im Laufe der Geschichte gibt es weiter auffällige Morde, die wie Selbstmorde getarnt sind und irgendwann einen vagen Verdacht auf Jiro lenken. Allerdings hängt die Familie so eng beieinander, dass die Polizei keine Chance hat, an ihn heranzukommen. Zwar hat der Vater Jiro eigentlich enterbt, aber da dieser das Gehemnis um die kleine Ayako entdeckt hat (sie ist das Produkt einer Affäre des Vaters mit seiner Schwiegertochter, die von ihrem Mann für ein größeres Erbe an ihn “ausgeliehen” wurde, um es einfach zusammenzufassen), hat er etwas in der Hand, das ihn schützt. Allerdings schützen diese Umstände Ayako keineswegs. Da O-Ryo von Jiro aus dem Weg geschafft wurde, ist sie die einzige Zeugin und wird auf Geheiß des Vaters und seinem Erben Ichiro in den Keller des Lagerhauses gesperrt. Für lange 23 Jahre…
Das ist nur eine kurze, hoffentlich nicht zu spoilerbelastete Einführung zu “Ayako”. Die Geschichte gibt alles her, was ein großes Familiendrama ausmacht, inklusive der sexuellen Perversitäten, wie man sie alten Familien eigentlich immer nur nachsagt, aber keiner wirklich glauben mag. Tezuka nimmt kein Blatt vor den Mund und spinnt um die schon vorherrschenden “Familienprobleme” eine politische Geschichte um den Einfluss der Amerikaner, die Angst vor Kommunisten und großen Umstürzen nach dem 2. Weltkrieg, die in Japan vor sich gingen. Ich bin noch nicht ganz am Ende angelangt, fand es bisher aber zeitweise sehr anstrengend und aufwühlend zu lesen, durchbrochen von Phasen, in denen ich riesige Abscheu gegenüber den Männern dieser Familie empfand, die Ayako für ihre Ziele benutzten und ihre Unschuld ausnutzten. Ayako selbst wird dadurch zu einer sexuell verdorbenen, geistig Kind gebliebenen und trotzdem scheuen jungen Frau, bei der ich mich immer noch frage, ob ich nun Mitleid mit ihr haben soll oder nicht.
Am Besten macht ihr euch selbst ein Bild, vielleicht hat einer unserer geneigten Leser den Band (oder ein anderes Werk von Tezuka) schon in der Hand gehabt und kann seine Meinung dazu abgeben. Ich bin jedenfalls geneigt, mir noch mehr Sachen von Tezuka zu holen, um hin und wieder ein wenig von dem “seichten” Kram wegzukommen, der mein Regal so ziert. ^^